Freudenberg – Felshardegg – Vellshardouin – Villehardouin – Villeparissis
Luc de Valparisis


Gestern hatten wir einen herrlichen Tag zusammen in den Thermen, Ramon hat sich mit seinen Jungs köstlich amüsiert im Schwitzbad, er hat für Aufruhr gesorgt unter den anderen Hotelgästen. Er sass mit gekreuzten Beinen auf der Schwitzbank, umgeben von zwei hübschen Jungs, einem brünetten, grünäugigen und von einem rötlichblonden, blauäugigen und die schmiegten sich auffallend nahe an ihn, zogen dann vor allen Blicken, auch noch ihre kleinen Badehosen aus und das tat dann auch Ramon, der wahrscheinlich nicht mal rot geworden ist, aus Scham, wie ihn die anderen Anwesenden durchdringend anblickten. Ja, Ramon hat ein gewisses adliges Selbstbewusstsein, auch ich als immer noch vom Adel durchdrungener degenerierter französischer Adliger, herkommend von der Seite der Guermantes, musste es zu meinem Neid feststellen! Er hatte bedeutend mehr Selbstvertrauen darin, seine tatsächlichen Neigungen allen offen zu zeigen als ich es je gehabt hätte, wenn ich allein da gewesen wäre. Ja, nur wenn ich allein gewesen wäre, natürlich. Denn Ich sass neben den Dreien, im Schneidersitz mit gekreuzten Beinen auf dem Steinbänkchen und bekundete eine gleichzeitig eine gewisse Scham, dass ich gerade mit solchen amoralischen Primitivlingen bekannt bin sowie ein gewisses Prickeln in den Schamregionen. Und jetzt traf ein, was ich eigentlich in meinem Innersten befürchtet hatte und eigentlich doch insgeheim erwünschte. Ein älteres Ehepaar beschwerte sich lauthals über das unmoralische Gehabe der Drei! Die Jungs und Ramon begnügten sich damit, wie kann es anders sein, dazu herzlich zu lachen und unbekümmert weiterhin miteinander zu schäkern, bis den beiden schliesslich die Geduld ausging, der Mann aufstand, hinausging und dem Bademeister rief. Der Bademeister kam herein und befahl Ramon und seinen beiden Engeln, auf Grund seiner Befugnisse, natürlich, das Schwitzbad zu verlassen, ihre Sachen zu nehmen um aus dem Bade zu verschwinden und nie mehr zurückzukehren.
Doch ich hatte mich insgeheim in Ramon und seine Schar verliebt, sie bedeuteten mir eine gewisse Abwechslung vom langweiligen Alltag, auf die ich nicht wieder verzichten wollte. Ja, diesen Befehl konnte ich nicht akzeptieren, meinte ich, ich, der ich mich als der Nachfolger des Monsieur de Charlus sehe, und der ja mit dessen Vorbild im realen Leben, mit dem Menschen, den Proust als Vorbild nahm, als er diesen Romanhelden von „Sodome et Gomorrhe“ schuf, diesen ewig versteckt nach jungen knackigen Coiffeursgesellen Ausschau haltenden nervösen Typs, verwandt bin und der diese Art Liebe doch in seinem Innersten bewundert, es aber kaum je so offen zeigen würde,  bekundete jetzt, wohl weil ich in Gesellschaft Gleichgesinnter, mich  mutig zu den Dreien zu stellen, als ihre Verteidiger, gewissermassen. Ja, ich habe diese offene Rebellion der moralisch geschockten biederen Bürger im Keim erstickt, ganz im Sinne natürlich, meiner heldenhaften Vorfahren, indem ich Joseph, meinen Butler, der draussen vor der Tür mein Tüchlein bereit hielt, anwies, dem CEO, keinem Geringeren, anzurufen, und ihm zu sagen, der Comte de Villeparisis, ein Mitglied der erlauchtesten Internationalen Clique und Ramon Gandarian, Millardär, Skandalnudel und nacktkämpfender Nobelpreisträger, werde von einem gewöhnlichen Bademeister rausgeworfen, er solle doch mal vorbeikommen und zum Rechten sehen. Es erscheint dann nicht der CEO, sondern sein CFO, ein Patrick Vogel, wie ich auf seinem Visitenkärtchen lese und übernimmt das Spagat, sich bei uns zu entschuldigen, uns zu vergewissern, dass wir uns weiterhin Hotel- und Thermenresort Grand Hotel Bad Ragaz so benehmen können wie wir es wollen, als absolut beste Stammgäste, und gleichzeitig das protestierende Ehepaar zu besänftigen, ihnen Freikarten zu geben, für einen weiteren Besuch, wenn diese störenden Elemente nicht mehr hier sein werden und dann auch noch seinen zutiefst beleidigenden Bademeister zu beruhigen, der lauthals protestiert und behauptet, er werde kündigen wenn seine Autorität so wenig geschätzt werde bei seinen Vorgesetzten. Er setzt alle drei, das Ehepaar und den Bademeister, die alle lauthals protestieren, vor die Türe, schwitzend, gekleidet in einen Anzug mit Krawatte im Schwitzbad und sagt, er entschuldige sich für die gesamte Hotelleitung, alle Aktionäre und die gesamte Stadtverwaltung von Bad Ragaz, dass der weltbekannte Nobelpreisträger Ramon Gandarian und der überall in der Haute Société bestens eingeführte Comte de Villeparisis, ein guter Stammkunde seines Lokals notabene, der nie spare bei seiner Verpflegung und seinen Trinkgeldern, so schlecht behandelt worden seien und dass er mich, den Comte de Villeparisis einlade, und überdies auch Herrn Professor und Nobelpreisträger Gandarian, gratis eine Woche im Hotel zu logieren, wenn er nur angeben könnte, sagte er, dass wir in seinem Hotel logiert hätten! Natürlich bäumt sich mein Kamm jetzt bedeutend auf, wie ich realisiere, dass ich so gebauchpinselt werde, von diesem geldgierigen und vor dem Adel und Kapital kriechenden Vogel! Dann geht er hinaus zu seinem Bademeister, um die hochgehenden Wellen in diesem treuen Mitarbeiter zu glätten, und ich beneidete ihn nicht um diesen Job, denn ich weiss es allzu gut, ich der im Gegensatz zu ihm nur einen Butler und ein Dutzend Angestellte suchen und betreuen muss! Über den weiteren Verlauf dieses anregenden und interessanten Morgens werde ich nicht weiter erzählen, denn es sollte nun allen bewusst sein, dass ich alternder graumelierter Adliger, im Kreise der Verdurins wohl eher ein „Ennuyeux“ nun auch in den Kreis Ramon Gandarians und seiner Jungs aufgenommen wurde und ihnen anschliessend ein feines Mittagessen spendierte, für die Mühe, die sie sich genommen hatten, um mich auf Touren zu bringen, mich, ein gehemmter Pseudolibertin, der von seiner Erziehung her kalt und abweisend ist wie ein Fisch, Ramon dixit!  
Heute Nachmittag sitze ich im wohl temperierten Wasser des Aussenbeckens und schaue auf die Burgruine Freudenberg, oder Felshardegg, heute nur noch Ruine, früher einmal Sitz derer von Freudenberg die später zu Vellshardouin, dann zu Villehardouin und dann zu Villeparisis wurden. Gemäss einer Sage, die sich die Einheimischen erzählen, soll in den in den Fels gehauenen Kellern der  Burg Freudenberg eine wunderschöne Jungfrau gefangen gehalten worden sein, von bösen Mächten notabene, nicht vom Burgherrn. Die Jungfrau wartete sehnlichst darauf, dass sie von einem jungen Mann geliebt und anschliessend aus ihrem Kerker erlöst wurde. Derjenige, der sie erlösen würde, hiess es, bekomme die Jungfrau zur Braut und dazu einen sagenhaften Schatz, der verborgen lag in noch tieferen Gefilden des Burghügels. Erlöst hat sie, wie könnte es anders sein, einer meiner entferntesten Vorfahren!
Neben mir allerdings im wohltemperierten gesunden Wasser des Beckens sitzt wie bei meinem wohlbekannten Pendant de Charlus in Prousts Lebenswerk keine keusche Jungfrau von Freudenberg. Ein Freudenberg, oder eher, ein Freudenbecken  allerdings ist‘s, das Wasserbecken, wo ich mich heute befinde, doch ist es kein moralisch vertretbarer Freudenberg mehr, ist aber auch keine Venushöhle, leider, es ist eher eine Ganymed-Höhle. Die Jungfrau wurde natürlich längst erlöst von ihren Banden, wie bereits gesagt wurde von einem Ritter derer von Freudenberg, der auf Suche war nach neuen Erlebnissen und ihm hat sie sich hingegeben, die Schöne, Reine und wurde anschliessend, schwanger geworden, natürlich, weggejagt, weil das sagenhafte Schatz nie gefunden wurde und weil der Ritter schon längst verheiratet war mit der reichen Tochter eines Salzhändlers, der das Geld vorschoss, mit dem die Burg von Freudenberg renoviert werden konnte und weil der sagenhafte Schatz nie entdeckt wurde und die Jungfrau deshalb für die Heiratspläne des Ritters nicht mehr in Frage kam. Ja, leider war gerade dieser miese Ritter einer meiner Vorfahren, notabene eine wohlbekannte historische Figur, der wohl auch manchmal sein Einkommen durch Raubzüge aufbesserte und dessen Nachfahren ihre Güter durch kluge Heiraten ständig erweiterten, die Klöster stifteten und Schirmherren wurden davon und die im Himmel gelandet sind, obwohl sie jämmerlich unmoralische Lebenswandel aufwiesen, weil die Mönche der Klöster, die sie finanzierten, ständig für ihr Seelenheil beteten. Ja, wenn ich richtig informiert bin, waren sie auch Schirmherren der mächtigen Klöster von Sankt Gallen, von Pfäffers und Konstanz und regierten deshalb ein Gebiet vom Rhein bis hinab zum Vierwaldstättersee. Später dann hat sich unsere Familie aufgelöst, der Hauptzweig unserer Familie starb aus, ein Nebenzweig wanderte im 11. Jahrhundert nach der Champagne aus und etablierte sich dort und die sind meine eigentlichen Vorfahren. Ein Bruder dieses meines Vorfahren bekundete dann ein plötzliches tiefes Verlangen, sich freizukaufen von den Sünden die ihm auferladen wurden durch das lasterhafte Leben seiner Vorfahren in und auf der Burg von Freudenberg und ist  dann nach Süditalien hinab ausgewandert und hat sich dem Kreuzritterheer des Bohemond von Tarent angeschlossen. Er ist nach Achäa ausgewandert und hat den mit uns verwandten Zweig der Villehardouin von Mistra gegründet.
Von der sagenhaften Jungfrau die im Schloss Freudenberg eingeschlossen war, wird behauptet, dass sie für den  ihr vom Graf von Freudenberg gespendeten Schössling so viel Muttermilch hergab, dass diese sich dem Wasser in der Taminaschlucht zugesellte und dem Fluss Tamina eine vielgepriesene Heilwirkung verlieh. Viele von Rheuma geplagte wohlhabende Menschen reisten in diese Gegend, liessen sich  in Körben in diese tiefe unwegsame Schlucht hinabhieven, um in den Fluten des heilversprechenden Flusses von ihren Gebrechen befreit zu werden. Wie ich aus umfangreichen Recherchen in Zivilstandsregister der ganzen Schweiz entnahm, ist die Jungfrau aber in die Region um Einsiedeln ausgewandert. Im Register der Heiraten der Stiftskirche Einsiedeln stand geschrieben, in schnörkelhafter gotischer Schrift, vermerkt mit einem Datum aus dem 14. Jahrhundert, dass der Fritz vom Bodengut sich mit der Jungfrau aus Freudenberg vermähle. Später dann, im 17. Jahrhundert, steht im Taufregister, dass die Maria vom Wald einen Jungen vorbeigebracht habe und behaupte, er sei vom Hans vom Bodengut gezeugt worden, was dieser aber kategorisch ablehne. Der ein gewisser „Meister Paracelsus“, seines Zeichens der Leibarzt vom Abt Rudi sich als Pate verbürgt habe und dem Kloster ein namhafte Summe von 100 Golddukaten verschenkt habe, sei der Junge trotz seiner zweifelhaften Abstammung christlich getauft worden auf den Namen Jonas. Dann ist dieser Taufauftrag mit roter Tinte durchstrichen worden und am Rande wurde vermerkt, der Junge, genannt Jonas, sei der Sodomie verdächtigt und sei geflohen, bei Nacht und Nebel.  Unzweifelhaft handelt es sich hier um den späteren Mönch Jonas in Valaam, dessen Memoiren ich in einem Keller meines Schlosses ausgrub! Er entstammt also aus meinem Zweig und ist also mit mir verwandt ist und auch Cyril, der begabte Journalist, der sich anerbot, diese Memoiren zusammen mit irgendwelchen Memoiren, die ihm von einer Tante von Ramon überlassen wurden, in einem Roman über die Wirren meines und seines und natürlich auch Ramons sagenhaftem Vorfahren zu verarbeiten.
Wie gesagt werde ich, der entfernte und wahrscheinlich von allen noch reichste Nachfahre des Grafen von Freudenburg, wegen einer reinen Jungfrau, die im Verliess einer Burg eingemauert sein soll, kaum in exzessiven Freudentaumel mehr versetzt. Nein, ich bin so degeneriert, ganz wie mein Vorfahre, dem von Proust verewigten Romanhelden Baron de Charlus, Palamède de Guermantes, dass ich für reine Jungfrauen in Not kaum mehr den kleinen Finger bewegen würde, ganz im Gegenteil zu dem, wenn ich von einem in Bedrängnis geratenen reinen Jüngling  hören würde, und aus einer Liebschaft mit einer reinen Jungfrau, würden keine Nachfahren hervorgehen, Gott sei Dank, meine ich, denn ich bin wie Monsieur de Charlus reichlich degeneriert, die die Geschichte prägen würden während mehr als tausend Jahren. Deshalb bin ich, meine ich, der letzte Abkömmling derer von Freudenberg, später Felshardegg, dann, verballhornt, sicher, Vellshardouin, dann Villehardouin und schliesslich Villeparissis. Das habe ich natürlich nur bis zu dem Moment geglaubt, als ich Ramon Gandarian traf, der damals mit Cyril Attenborough in Bad Ragaz weilte, ausnahmeweise natürlich in diesem Kaff weilte, auf Wunsch Cyrils gewissermassen, wie er mich sagte, weil er sonst, wie er sagte, kaum in die nördlichen Berge in die Ferien geht, denn die südlichen Gefilde nahe der bitteren Salzflut zögen ihn bedeutend mehr an als diese nebligen Berge, meinte er. Damals war das Wetter wirklich regnerisch und vernebelt, ausnahmsweise, meine ich, denn dieses Jahr ist es wieder sonnig. Cyril hat mir dann zu später Stunde in der Bar mitgeteilt, dass er ja eigentlich mit Ramon Gandarian verwandt sei, sehr weitläufig natürlich, weil sie beide als gemeinsamen Vorfahren einen gewissen Mönch Jonas von Valaam hätten, aber natürlich nicht als direkten Vorfahren, denn ein Mönch, na ja, sollte ja keine Nachkommen zeugen, meinte er, schmunzelnd! Da ich zu dieser späten Stunde auch bereits einen Tumbler, gefüllt mit dem feinsten schottischen Whisky zu mir genommen hatte, bin auch aus meiner üblichen Zurückhaltung ausgebrochen, fiel ihm um den Hals, küsste ihn, den ich eigentlich schon lange sehnsüchtig von Ferne geliebt hatte und teilte ihm mit, dass auch ich ein entfernter Verwandter von diesem Jonas von Valaam oder Einsiedeln sei, wie es die Register der Stiftskirche von Einsiedeln und ein Manuskript bezeugten, eine Lebensbeschreibung dieses rührigen Mönchs Jonas von Valaam sei, der seinen Lebensabend in einer dieser reich dekorierten Einsiedlerklausen, überwacht von den wachsamen Augen des heiligen Gregors abgebildet auf einer Ikone, verbracht hatte. Da Cyril sofort darauf einhakte, und sich brennend für dieses Manuskript erhitzte, allerdings, leider, nicht einging auf meinen feurigen Kuss, sind wir dann zusammen in mein Zimmer hinauf gegangen und ich habe ihm das Manuskript, die Beichte meines unehelich verwandten Vorfahren Jonas, geschenkt, auf, dass er diesen Stoff in einem Buch verarbeite und damit meinen und seinen Vorfahren für die Nachkommenschaft verewige. Nicht dass ich glauben würde, dass mein Vorfahre Jonas von Valaam, oder eben Einsiedeln, dies besonders wünschen würde, wenn ich in Betracht ziehe wie er es beschreibt in seinem Manuskript, wie er dauernd für seine Sünden büsste, vor allem wenn er wieder seinen offenbar natürlichen Neigungen nachgegangen war und sich in ein männliches Wesen verliebt hatte, um von denen erlöst zu werden. Wenn man dies in Betracht zieht, meine ich, würde er es bestimmt vorziehen, wenn seine nachgekommenen Verwandten von seinen sündigen Eskapaden im Leben nichts wissen würden. Doch ich tat es, weil ich hoffte, damit doch noch das Wohlwollen Cyrils erkaufen zu können, eine Spekulation, die für mich leider nicht aufging, denn er erklärte mir, er habe nur eine Liebe im Leben, nämlich einen gewissen José McDuff, oder Gandarian, wie er sagte und dem müsse er treu bleiben, bis an sein Lebensende, zum Nachteil des erlauchten Ahnenbaums der von Villeparisis, oder Villehardouin, oder Freudenberg, muss ich feststellen. Viele heisse Tränen habe ich damals geweint, trotz meiner üblichen Beherrschung und alles hat nichts genutzt und ich muss sagen, ich bin im Vergleich mit Ramon ein unsäglicher Versager und habe mich deshalb ihm förmlich aufgedrängt, weil ich hoffte, ich könnte durch ihn lernen zu einem besseren Verführer werden und natürlich, dass dieser Cyril vielleicht doch noch Streit bekommen würde mit diesem José McDuff oder eben Gandarian und mich dann nachher berücksichtigen würde, wenn er mich ständig in seiner Nähe haben würde! Somit wäre, wenn ich endlich zum Kern meiner Aussage kommen könnte, noch ein Nachfolger derer von Freudenberg, de Villehardouin, de Villeparisis vorhanden, nämlich Simon, Ramon’s Sohn, ein begnadeter Wissenschaftler, Nobelpreisträger in Spe der eventuell sogar Hoffnungen hegen könnte, ein Nachfolger der Washingtons, Bushs, Jacksons und Roosevelts zu werden, im barbarischen Wilden Westen, wenn man Ramons  begeisterten Erzählungen glauben will, der erste Nobelpreisträger auf dem amerikanischen Thron, sozusagen, wie Ramon sagt, und ein netter Mensch überdies, wie ich letzthin von Cyril erfuhr und er wird die Ahnenurkunden und die Schlösser und Burgen derer von Villeparisis erben, damit er doch noch etwas Kultur in seinem Erbe haben wird, mein Testament habe ich bereits beim Notar hinterlegt!
Ein Glück eigentlich ist es, meine ich, wenn man in Betracht zieht, wie degeneriert ich geworden bin, dass ich persönlich mich nicht um eigene Nachfolger werde bemühen können, denn ich bin um einiges degenerierter als mein Onkel, den Baron Charlus, mit meinen schütteren strohblonden Haaren, meine aussergewöhnlichen kulinarischen Vorlieben, meine Gicht und mein Rheuma, das allerdings schon offensichtlich die im Nebel der Zeit versunkenen Vorfahren des Mittelalters aufwiesen, mein schiefes zynisches Mundwerk, meine schiefe hakenförmige Nase und meinen braunen Flecken auf der Haut. Überhaupt, diese meine Haut, ein ewiges Problem! Die ganze Zeit rasiere und epiliere ich sie, salbe sie ein mit einer Unzahl Salben, Shampoos und Lotions, die mir ein Vermögen kosten und über die der sagenhafte Johannes, der an irgend einem Nebenfluss des Jordans mit einer struppigen Mähne und mit einem Bärenfell bekleidet, zum grossen Teil ungewaschen, Juden taufte und darunter auch denjenigen Herrn, der sich dauernd an einen Lieblingsjünger mit Namen Johannes schmiegte und  auch einen gewissen Lazarus aufweckte, der ihm besonders viel bedeutet hatte und der ihm ein Bruder gewesen war.
Und was das Manuskript dieses Jonas von Valaam oder Einsiedeln betrifft, ja, das hatte ich im Estrich, nicht wie behauptet im Keller eines meiner Familienschlösser, das ich erst kürzlich von meinem auch kinderlos gestorbenen Onkel geerbt hatte.  Das Couvert, in dem es war, war beschrieben mit einer für mich fast unleserlichen Handschrift, von einem Eric de Villehardouin, Mönch auf dem Kloster Kirillow-Belloserski, es enthielt Briefe von und an einen Jonas von Einsiedeln, Mönch im Klosters Valaam, dann eine Lebensbeschreibung eben dieses Jonas von Einsiedeln. Dieser Jonas von Einsiedeln entpuppte sich nun, nach Untersuchungen, die ich in verschiedenen Kirchenregistern machte, als ultimativ abstammend von einer unehelichen Tochter eben des Vorfahren, der vor etwa 1000 Jahren, zur Jahrtausendwende, das Schloss Freudenberg bewohnte und der reinen Jungfrau die in den Burgverliesen eingemauert hauste, verbannt sehnlichst darauf zu warten, dass sie von einem jungen Mann erlöst werde. Derjenige, der sie erlöst, hiess es, bekomme die Jungfrau und dazu einen sagenhaften Schatz, der verborgen liege in der Burg. Die schöne Jungfrau ward ja, wie ich es schon sagte nicht nur erlöst sondern auch geschwängert und derjenige, der sie erlöste, verliess sie, ohne sich die Mühe zu geben, sie weiterhin einzuschliessen, da er, wie es lakonisch im Kirchenregister Bad Ragaz vermerkt war, den sagenhaften Schatz gar nie fand. Ein anderer meiner Vorfahren litt unter Rheuma, und versuchte diese in der Schlucht bei Pfäffers zu kurieren. Später hat er mitgewirkt, dass dort um 1350 eine Herberge gebaut wurde in der die und dass viel später, um 1530, die Mutter von Jonas den Paracelsus aufsuchte, damit er ein Gutachten über die Qualität des Wassers aufsetzen würde und dabei wahrscheinlich den Jonas schuf und wie es Jonas schreibt, Paracelsus selbst bei der Geburt Jonas‘ anwesend war und Jonas‘ Götti wurde. 
Durch Einheirat sind wir verwandt mit dem Champagner Adelsgeschlecht derer von Villehardouin die wiederum die Prinzessin Eudoxia Kemnenos geliebt und dabei geschwängert haben und weshalb auch unsere Familie sich damit brüsten kann, von einer im elften Jahrhundert im Purpur geborenen Prinzessin abzustammen! Dieser Ahne des Zweigs meiner Familie, die als Villehardouin hatte so grosse Skrupel wegen der Sünden seiner Vorfahren, sodass er nicht zögerte, sich das Kreuz aufzubürden und zu helfen, die Stadt Christi, Jerusalem, von der Herrschaft der Ungläubigen zu befreien! Es ist der Vorfahre von meinem Vorfahren Eric de Villehardouin, der zum Mönch Gregor im Kloster Kirillow wurde, sich vornahm den Jonas von Einsiedeln von einer grossen Sünde zu erlösen, in der er sich, schon wieder, befand und ihn dazu überredete im Kloster Valaam Mönch zu werden. Und mein Vorfahre, Luc de Villeparissis, der Proust als Beispiel gedient hat für seine Romanfigur, den Grafen Charlus in Sodome und Gomorhe ist auch von den von Guermantes und deshalb bin auch ich, entfernt, aber doch, mit dem grossen Schriftsteller verwandt. Obwohl meine schriftstellerischen Begabungen im absolut normalen, wenn nicht langweilig normalen liegen!
Dann habe ich vor einigen Jahren während der Wintersaison, wo ich üblicherweise im Stammhotel „Hôtel Du Cèdre Noire“ in Nice weile, Ramon Gandarian getroffen wieder einmal getroffen, der dort mit Cyril ausgiebig und fein speiste und der mir sagte, er weile für einige Tage in seinem Haus in Saint Tropez und der hat mich nach Saint Tropez eingeladen, was ich gerne angenommen habe, weil ich immer noch darauf hoffte, dass Cyril endlich einmal Mitleid haben würde mit mir und mir meine Liebe beantworten würde, was er aber wieder nicht tat. Ramon hat auch den grossen Regisseur Ghandarachian eingeladen, wir haben uns bei ihm kennengelernt. Er hatte es gerade im Sinn, einen Film über ein Buch von Ramon zu drehen und suchte einen Produzenten für diesen Film suchte. Da ich gerade über einen grösseren Betrag verfügen konnte, weil ich ein Schloss aus meiner Erbschaft verkauft hatte, habe ich mich als Produzent zur Verfügung gestellt, alles natürlich nach Befragung meines Finanzberaters, mit dem Vorbehalt, dass er später einen weiteren Film über diesen Jonas von Einsiedeln, den Einsiedler vom Kloster Valaam, drehen würde. Nun ja, mein Finanzberater hat mir abgeraten, das Produzieren von Filmen sei ein Risiko, sagte er mir, auf das jemand, der nicht selbst im Business tätig sei, nicht eingehen solle. Trotzdem habe ich zugesagt, denn was soll ich, in meinem Alter und ohne Erben, noch mit so viel Geld anfangen und da waren ja auch noch die schönen blauen oder grünen Augen von Cyril und mein Wunsch, ihn nun doch noch  zu bekehren! Ich habe diesem Ghandarachian das Geld zugesprochen, und es war nicht das schlechteste Geschäft, das ich gemacht habe und er hat sich bereit erklärt, einen Film über diesen Jonas zu drehen, natürlich, nachdem Cyril das Buch geschrieben hat, und will mit Cyril zusammen aus diesem Stoff mit der Zusammenarbeit von ein Drehbuch schreiben. Aber da das Buch noch nicht geschrieben ist, steht in den Sternen geschrieben, wann der Film gedreht wird.
Und dann, einige Monate später, hatte ich in Ischia eben einen Traum, einen karmatischen Traum, der von meinen früheren Leben berichtete, den ich Euch nachstehend erzählen will. Ich weilte mit Ramon Gandarian und seinem Freund Kolja in Ischia, in diesem herzigen rosaroten Hotel in Porto Sant Angelo, verbrachte auf dieser steinigen Insel der heissen Quellen rosarote Ferien, sozusagen. Und natürlich habe ich mich in diesen hübschen Jungen Kolja verliebt, so wie ich mich in alle Jungs dieses terriblen Ramon verliebe. Ja, genauso wie dieser Hans Castorp sich in diesen blonden, schrägäugigen Pribislav Hippe verliebte, verliebte ich mich in diesen extravaganten, unberechenbaren Jüngling Kolja, begnügte mich aber nicht damit, ihn nur anzuhimmeln, sondern erklärte ihm meine Liebe, einmal, als ich ihn allein antraf, während er auf der Sonnenterasse unseres Hotels lag und seinen schönen Rücken, seine braunen Schultern besonders schön zur Geltung brachte, lag ich nieder, direkt neben ihn, schmiegte mich an ihn, umarmte ihn und legte meine Lippen an sein Ohr um ihm zu erklären, dass er mein liebster Schatz sei und dass ich ihn in meine Suite einladen möchte, damit wir besser, und intimer, in geheimer Entourage, gewissermassen, voneinander profitieren könnten. Man muss sich vorstellen, wie ich, der Baron Luc de Villeparissis, zugerichtet wie ein Beau, gehemmt wegen meiner Gicht und anderer ererbten Krankheiten, mit einem Monokel im Auge, mit altmodischen, den ganzen Leib bedeckenden, horizontal weiss gestreiften schwarzen Badehosen, einen mit einem elfenbeinernen Löwenknauf versehenen Spazierstock, dem Spazierstock den ich vom Baron de Charlus  geerbt habe, neben mir ablege, sehr langsam niederknie und niederliege, mich ziemlich gehemmt, natürlich, an diesen schönen, biegsamen, Jüngling im besten Alter, anschmiege und ihm diese Avance mache. Ein Bild, notabene, dass man in einem satirischen Blatt hätte veröffentlichen können. Und das was folgte hätte natürlich auch viel Gelächter erzeugt im satirischen Journal. Denn dieser Engel, dieser Kolja, drehte sich um fünfzehn Grad um, erhob seinen Oberkörper auf seine Ellbogen, spitzte seinen Lippen zu und platzierte sie auf die meinen, und mein ganzer degenerierter, vollständig pillierter Greisenkörper zitterte förmlich vor Vorfreude und Ergriffenheit. Doch bald sollte ich wieder auf die reelle Welt zurückkehren. Denn seine Lippen verwaisten meinen Mund, schmiegten sich nun an mein linkes Ohr und flüsterten mir: „Ja, liebster Graf, das würde Dir ja wohl passen, wenn ich, quasi als Zahlung für die unzähligen roten Rosen, die Du jeden Morgen an die Schwelle meines Zimmers bringen lässt und die ich allen Zimmermädchen und Hotelpagen weiterverschenke, Du mich vernaschen könntest. Nein, mein Lieber,  ich werde Ramon Gandarian, meinem Liebsten, nie untreu werden!“ Dies von den Lippen dieses schönen verführerischen Engels, der, wie es mir Ramon zu vorgerückten Stunde gebeichtet hat, Ramon beinahe zu blutigen Eifersuchtsausfällen provoziert hätte, mit allen Sorten von Jungs, ja sogar Mädchen. Also durchaus nicht so treu war zu ihm wie er es sich vorgaukelte. Dann tastete er die Erde neben sich ab, nahm ein Plastiketui zu Hand, das er auf seine Brust legte, und bat mich dann um eine Zigarette. Ich musste aufstehen und an den Tisch gehen, wo ich vorher gesessen hatte und mein silbernes Zigarettenetui worauf Rehe und Pferde abgebildet sind, nehmen, kniete mich wieder hinab zu ihm, öffnete das Etui und präsentierte es ihm, gefüllt mit meinen teuren orientalischen Zigaretten, die man heutzutage sowieso nur bei ausgewählten Spezialgeschäften erhält und die die einzigen Zigaretten sind, die ich rauche. Er nahm sich eine Zigarette, schlitzte sie auf mit einem feinen Taschenmesser, das er auch aufgehoben hatte zusammen mit dem Plastiketui, zog den teuren Tabak heraus, stopfte dafür vom feinen fast sandigen Tabak, den er in seinem durchsichtigen Etui hatte, herein und liess sich von mir altem Greis, der zitternd vor Erregung neben diesem jugendlichen Körper kniete, mit meinem silbernen Briquet, Feuer geben. Bald war ich in eine süssliche Wolke gehüllt, und wusste es auch, obwohl ich sonst von diesem Zeugs nicht rauche, er hatte sich einen Joint angezündet. Ein Vorfall war’s, hat mir Ramon später gesagt, parallel verlaufen zum Vorfall, der sich im Flugzeug von Moskau nach Mexiko abspielte und der damals auf Ramons bleichen Wangen einen ziemlich gut ersichtlichen rötlichen Schimmer der Scham provoziert hat, ja, sogar bei Ramon, der ja wohl eher ein abgebrühter Don Juan ist, würde ich meinen, noch abgebrühter als ich.
Die Absage war, ich gebe es zu, ein Schock für mich. Doch Kolja lächelte mir weiterhin lieb zu und ich deshalb klammerte ich mich trotzdem an meine Hoffnungen, hoffte, er würde, nachdem er den Frust an mir ausgelassen hatte, trotzdem noch lieb sein zu mir.: „Nein“, säuselte der blonde, engelhafte Jüngling, wie wenn er mich  trösten wollte, „Rosen fruchten bei mir nichts, die brauch ich nicht. Aber was handfestes, mit dem ich was Nützliches kaufen könnte für mich, ja, mit dem könntest Du was erreichen. Wenn Du was zu erübrigen hättest für einen armen brotlosen Künstler, der leben muss, ja, ….“ Und er brach den Satz mittendrin unvollendet ab und es war mir klar, was er meinte. So eine Beleidigung, fand ich. Sicher zahlte ihm dieser Ramon genug Taschengeld, er streute sein Geld nur so herum wie wenn es wie Manna vom Himmel herunter fliegen würde und immer noch war es für diesen Flegel zu wenig! Und es war mir klar, wofür er das Geld brauchen würde, ja, er würde es für keinen Zweck brauchen, der ihm auf die Länge etwas bringen würde, für keinen „künstlerischen Zweck“ ganz sicher, sondern um sich das Gift zu beschaffen, das er sich zuführte beim Rauchen von diesem süssen Zeugs oder sogar noch schlimmeres, mit dem er seine Gesundheit zerstörte und auf Dauer seine schöne Haut ruinieren würde! Wortlos stand ich wieder hinauf auf mithilfe meines Spazierstocks und humpelte davon, mich auf meinen Stock mit dem silbernen Knauf stützend, verschwand in meine Suite, und schloss mich dort ein, tagelang, liess mir die Mahlzeiten bringen, Ich überlegte sogar, ob ich mir mit der ererbten Pistole mit dem de Villeparisis-Wappen auf dem silbernen Griff und den auf dem Lauf silbrig eingelassenen Putten das Leben nehmen sollte oder ostentativ abreisen sollte, sofort und ohne Adieu zu sagen, abreisen in eines meiner Schlösser und liess dann doch davon ab, weil ich mich nicht dazu entscheiden konnte, meine Blösse so zu zeigen und auf meine Hoffnungen den blonden Engel doch noch zu vernaschen, nicht ganz verzichten konnte! Nach einigen Tagen hatte ich mich dazu durchgerungen mein Zimmer wieder zu verlassen, schon nur, weil es mir langsam langweilig wurde und ich machte ein Telefon mit meinem Manager und erhielt ein Couvert mit Geld. Ganz früh eines Morgens begab ich mich an seine Zimmertüre, klopfte, um ihm das Geld zu überreichen. und Alles Bargeld natürlich, das ich auf mir hatte, nachdem ich mir einige Tausend Franken hatte zukommen lassen von meinem Vermögensverwalter. Er öffnete die Türe nur einen Spalt, blickte hindurch, und mit Herzklopfen merkte ich, wie ich meinen Kopf verrenkte, um hineinzuschauen ins Zimmer, dass er ganz nackt war. Mein Herz hat damals wieder ganz nervös geklopft in meiner Villeparisischen oder eher Villehardouinischen Heldenbrust ganz schön geklopft und ich meine, das ganze Hotel hat es gehört und wurde damit aufgeweckt! Er wollte die Türe vor mir zuschlagen, aber ich hatte bereits einen Tür dazwischen getrieben und ihm das offene Couvert vor die Augen gestreckt sodass ihm nichts übrig blieb, als die Türe ganz zu öffnen und mich hineinzuziehen ins Zimmer. Wie ich ihm nun das Couvert, wo die Noten herausquollen, in die Hand drückte, wurde er besonders lieb und zärtlich zu mir, küsste mich und ich zog seinen Mund auf den meinen und streichelte ihn gleichzeitig zärtlich zwischen den Lenden, wie ich es vor Jahren, wie ich noch weniger alt und hässlich gewesen war, in gewissen Quartierstrassen mit herumstreunenden Jungs getan hatte. Dann profitierte ich von der Situation, legte meine Kleider ab und warf sie auf den Boden, packte ihn, warf ihn auf ungemachte Bett und stürzte hintenher, und wir wälzten uns darin, nur kurze Zeit tat er so, als wolle er mich abstossen, bald zog er mich hinab zu ihm. Mich natürlich schmeichelte es in meinem Innersten und ich fühlte mich mehr als dreissig Jahre jünger und ich habe es nie bereut, meinem Leben kein Ende gesetzt zu haben, denn mein innigster Wunsch war doch noch in Erfüllung gegangen.
Wie wir anschliessend nebeneinander lagen, wie Adam und die männliche Eva, nackt, wie Gott uns ursprünglich geschaffen hatte, rauchte er wieder eine seiner süsslichen Zigaretten und trank vom schwarzen Filterkaffee, den Ramon, der ganz unerwartet vom angrenzenden Nebenzimmer ins Zimmer gekommen war, auch er nackt und offensichtlich aufgewacht vom Lärm, den wir veranstaltet hatten, beim Portier bestellt hatte. Den bösen Blick, den er mir zugeworfen hatte, wie er mich so nackt daliegen sah wie meine Lippen auf seinem Schoss lagen, habe ich lange nicht vergessen können. Kolja allerdings störte dieser Besuch überhaupt nicht, er lächelte einfach wie ein Unschuldsengel, blickte Ramon mit seinen grünen Augen lächelnd an und Ramon sass bald neben uns auf dem Bett und lächelte zurück.
Ich pressierte, wie um mich zu entschuldigen für meine Dreistheit, ihn mit Kolja zu einem Ausflug einzuladen an einen Strand im Süden. Mit dem Taxi sind wir bis nach dem Flecken Testaccio gefahren, einem kleinen Dorfe, mit einer Kirche und einigen Häusern, die sich darum herum lagerten und von dort zu Fuss zum südlichsten Strand der Insel gelaufen, wo der Sand so heiss werden soll, dass man die Kartoffeln darin braten kann. Wir hatten ein Picknickkörbchen und rohe Kartoffeln mitgebracht und hatten uns diese im heissen Sand gebraten und mit einem kalten Braten gegessen und einige Flaschen des feinen Roséweines aus dieser Region dazu getrunken. Kolja ist ins Wasser gegangen und amüsierte sich während Ramons Kopf in meinem Schoss lag und ich ihn streichelte, denn er gefällt er als Nachspeise auch noch, obwohl er eigentlich nicht dem Typus entspricht, dem ich besonders fröne, da ich, schon immer und jetzt, wo ich älter geworden bin, noch mehr, eher ganz jugendliche Liebhaber suche! In fröhlicher Stimmung sind wir zu den Bädern gelaufen, die seinerzeit bereits von leidenden Römern benutzt worden waren und mieteten uns diese Höhlen zum alleinigen Gebrauch. Dort sind in einem steilen Tal Höhlen ausgewuchtet worden und bereits von diesen unseren Vorfahren Badewannen in die Felsen gehauen worden und auch eine Höhle, wo das heisse Thermalwasser, das aus den Quellen fliesst, gesammelt und der austretende Wassernebel zur Erhitzung der Sauna benützt wird. Nackt sassen wir in dieser Sauna und erhitzten uns und ich war im Paradies wie ich meinen geliebten Kolja ganz nackt neben mir sass und, natürlich, sich an Ramon schmiegte und ihm etwas ins Ohr flüsterte. Ramon flüsterte etwas zurück und Kolja schmiegte sich nun an mich, nahm mich an die Hand, und zerrte mich mit sich fort, den in den Fels gehauenen Weg hinab bis zu einer jenen Badewannen und dort stand, Tiberius und wir beide zusammen badeten in dieser gemäss dem Schildchen bereits von Kaiser Tiberius, dem gleichen, der sich in seinem Swimming Pool in seiner Villa in Capri von den kleinen „Fischchen“ verwöhnen liess, von denen Suetonius in seinem „Leben der Cäsaren“ berichtet. Auch ich wurde verwöhnt, von meinem ein bisschen älteren „Fischchen“ und diese feine Episode wird mir immer im Gedächtnis bleiben. Wie wir zurückkamen ins Hotel, führte Ramon Kolja und mich sogleich zurück in seine Suite, nahm das Kuvert mit dem Geld und einem parfümierten Blatt mit einem von mir verfassten Liebesgedicht (genug lang habe ich an diesem gefeilt und es wollte und wollte mir nicht gelingen und jetzt hat Kolja nichts davon gesehen) vom Nachttischchen auf und drückte es mir in die Hand. Er begleitete mich hinaus und sagte mir noch vor der Türe, dass ich ihm nichts geben solle, dass er sowieso versuche, ihn von diesem Drang nach Rauschmittel zu heilen und dass ich ihm nicht reinpfuschen soll, in seine schwere Aufgabe! Kolja habe ich daraufhin nur kurz gesehen, wie er sich verabschiedete von mir, wieder mit einem Kuss auf meine Lippen und mir ein Kuvert in die Hand drückte, mit einem Parfümfläschchen darin, dem Salvador Dali, das ich so liebe und dass man ja nicht mehr kaufen kann und einem Glückwunschkärtchen darin mit zwei ineinander verwobenen Herzchen und einem allerdings ziemlich holprigen Liebensgedicht darauf in unsicherer Schrift geschrieben. Wir brachten ihn zusammen aufs Festland nach Neapel und er ist abgeflogen, nach Yale, glaube ich, wo Ramons Sohn lehrt und den Rest der Ferien habe ich allein mit Ramon auf Ischia verbracht, einem endlich nicht mehr nervösen Ramon, allerdings, der sichtlich ruhiger geworden war, nachdem sein Vogel sich dank seiner Beihilfe, endlich meinem Griff entzogen hatte. Jetzt ist auch Ramon abgeflogen, zurück auf seine Luxusjacht und ich bin zurück aufs Festland, nach Neapel wo ich so gerne wohne, in meiner geräumigen Wohnung an der Riviera di Chiara mit Blick auf den Hafen und die ganze Stadt und trotzdem einer angenehmen Luft.
Heute sitze ich im grossen Saal im sogenannten Castello Vecchio, der Burg, die Roger von Anjou in Neapel bauen liess. Wie man ja weiss, liess dieser Herzog, der Süditalien auf Wunsch des Papstes eroberte und dabei den letzten Hohenstaufen, den 17 jährigen Manfredi, gefangen setzen und anschliessend enthaupten liess. Auch mit diesem Manfredi, das habe ich aus den mir überlassenen Familienschriften entnommen, bin ich ganz weit aussen verwandt, denn meine Vorgänger hatten sich auch mit den von den Staufern herrschenden Normannenkönigen liiert. Die Burg ist für mich eine Herausforderung. Ja, eine Herausforderung. Schon nur wenn ich darin umherwandere, vom Erdgeschoss wo die Kapelle ist und wo ich auf Schritt und Tritt den Knochen meiner Vorfahren, die ich nie kannte, begegne. Aber wenn ich hinauffahre, mit dem Lift, in die oberste Etage, wo die Bilder aus der nationalen Revolution vom 19. Jahrhundert, aus den Strassenkämpfen der Garibaldisten gegen die Royalisten an Stellwänden aufgehängt sind, wo man sieht, wie in den Strassen Barrikaden aufgebaut wurden von den bürgerlich-liberalen garibaldistischen Aufständischen, damit die royalistischen Soldaten der     
letzten Bourbonen nicht zu erlauben, die Stadt sich vollständig zu unterwerfen. Da sind aber auch Skulpturen, ein Mädchen in Lumpen gekleidet, ein Fischerknabe, der auf einem Felsen kauert, mit weit gespreizten Beinen. Dieser Fischerknabe tut es mir an. So einen Fischerknaben möchte ich auch gerne neben mir haben. Und da fällt mir plötzlich Kolja ein, der blonde, grünäugige Engel, mit dem ich so eine herzliche Rauferei im Bette hinter mir habe. Ich stelle mich vor die Skulptur, kauernd, rechts von ihr, links von ihr, schaue auf die Knie, die knochigen Beine des Jungen, seine enge Taille (was könnte ein solcher ein hungriger Fischerknabe auch etwas anderes haben), bewege instinktiv die Arme, die Hände, um diese Beine und Hüften zu berühren, zu streicheln. Dumm, der Junge hat zwischen den Beinen nur so etwas wie ein Pelzchen, man kann sich nicht vorstellen, dass ein richtiges männliches Zeugungsorgan unter diesem Stück Stoff sein kann. Nein, so eine Täuschung. Ich rege mich auf, stehe abrupt auf, ein bisschen zu schnell, verliere das Gleichgewicht, falle hintenüber und – werde aufgefangen von zwei Armen und empfangen von einem herzlichen Lachen, das mir bekannt vorkommt, spüre weiche Lippen auf meinen Lippen, wie ich so hinten hinabhänge, rieche einen Körperduft über dem sich ein Duft einer Körperlotion verbreitet, die mich an etwas erinnert, das ich noch vor wenigen Tagen erlebt habe, öffne meine Augen und schaue wohin? Klar, direkt in die grünen Augen von Kolja.
Halt, sichern. Kolja? Den Jungen habe ich ja selbst zusammen mit Ramon zum Flughafen gebracht, habe ich begleitet bis zur Passkontrolle und da kann ich ganz sicher sein, totsicher, dass der Junge, Kolja, in’s Flugzeug gestiegen ist. Was anderes ist gar nicht möglich. Also, was ist dieser Junge hier, der aussieht wie der Zwillingsbruder von Kolja? Ich muss mich fassen, es ist einfach nicht möglich, auch ein Zwillingsbruder kann nicht so täuschend ähnlich sein wie Kolja. Ich träume! Jetzt zwicke ich mich in meine Backen, ohrfeige mich, aber die Traumgestalt, die wie Kolja aussieht ist immer noch über mich, gebeugt, ich spüre seine Lippen an meinen Lippen, seine Zunge in meinem Mund, ich sehe direkt in seine grünblauen Augen die lachend zwinkern, wie er realisiert, was für eine Unsicherheit ich fühle, höre sein helles glockenes Lachen! Nein, es muss Kolja sein, nichts anderes ist möglich. Ich befreie mich vom Griff die seine muskulösen Arme um meine Taille hält, trete sorgfältig einen Schritt zurück, stosse ihn ein bisschen zurück von mir und schaue ihn erst mal richtig an. Dann fühle ich mit meinen Armen seinem Körper entlang. Nein, Kolja ist’s, das ist klar, der einzige Kolja, der, der mich beleidigend abgewiesen hat, aber auch der, der mir zum Abschied ein Kärtchen mit zwei verschlungenen Herzen und einem Liebesgedicht übergeben hat. Ich komme nicht nach: „Du, Kolja, ja, Du bist’s in Fleisch und Blut, mit dem hellen glockenähnlichen Lachen des Kolja’s den ich in Ischia kennenlernte, mit dem charakteristischen ein bisschen verschwitzten, von Deodorant überhangenen Körperduft des Kolja, mit dem ich mich vor noch wenigen Tagen im ungemachten Bette umherwälzte. Wie ist es möglich, dass Du, Kolja, den ich selbst auf’s Flugzeug begleitet habe und zugesehen habe, wie das Flugzeug abhob, während Du drauf warst, jetzt hier, im alten Königsschloss in Neapel bist?“ Er lacht und die Tränen kommen ihm. „Ganz einfach“, antwortet er, „ich war nicht im Flugzeug.“ Ich kann es nicht glauben. Nein, das ist nicht möglich, Ramon hatte  ja etwas abgeklärt mit seinem Sohn und der hätte es ihm mitgeteilt, wenn Kolja nicht ausgestiegen wäre, im Flughafen, in Yale! Nein, das was Kolja sagt ist unmöglich. Ich schüttle den Kopf. „Erzähle mir keine Märchen“, sage ich und will weiterfahren, doch dann beschliesse ich, dass es für mich überhaupt nicht wichtig ist, was ich jetzt sagen will, Kolja ist wieder hier, in Fleisch und Blut steht er direkt neben mir, hat sich mir genähert, und schmiegt sich wieder an mich. Nein, ich will nichts hinterfragen. Wenn Gott einmal mir das gegeben hat, was ich im Herzen wollte, nur ein einziges Mal im Leben ist mir das passiert, will ich es nicht hinterfragen. Ich umarme ihn wieder, küsse ihn wieder, nehme ihn dann bei der Hand und ziehe ihn mit mir fort, ein Treppe hin und hinaus in Treppenhaus, dann die wunderschöne marmorne Treppe gebaut von den Anjou hinab auf eine Terrasse, von wo man eine herrliche Aussicht auf den Hafen von Neapel hat, auf die Kreuzfahrtschiffe, die hier ankern, auf die Fähren, die darauf warten, in den See zu stechen um nach Ischia oder Capri zu fahren. Dann umarmen wir uns nochmals und küssen uns nochmals und schauen eine Ewigkeit lang auf die schöne Hafenanlage von Neapel, meiner Lieblingsstadt, die mehr doppelt so lieb ist, jetzt, wo mein Liebling Kolja, der Engel mit den blonden Haaren und grünen Augen neben mir steht und meine Hand hält. Nein, jetzt halte ich ihn fest, jetzt werde ich es nicht mehr zulassen, dass er mir wieder entkommt, jetzt ist auch kein Ramon da, der ihn mir entführen könnte, der eifersüchtig auf mich ist, denn dieser ist jetzt mit seinen anderen Jungs, dem schwarzhaarigen José, dem blonden Alec, dem hellbrauen Raùl auf seiner Luxusjacht und amüsiert sich und denkt sicher nicht an mich. Nein, ganz fest drücke ich mit dem Daumen in seinen Handballen und schaue ihm in die grünen Augen und sage ihm, leise, aber doch verständlich und fest: „Jetzt, Kolja, kommst Du mit mir in meine Wohnung an der Riviera di Chiaja. Du wirst sehen, ich habe die schönste Wohnung von ganz Neapel, mit einer noch schöneren Aussicht als die Könige von Anjou sie von hier hatten, mit einer wunderbaren kühlen Luft, die, besonders am Abend weht und mit den breitesten Betten die Du Dir vorstellen kannst. Er lacht. „Exakt Du“, ruft er aus, „immer denkst Du ans gleiche, Luc, immer hast Du gefährliche Gedanken. Denke an Dein Alter, Alter, Du solltest versuchen mal moralisch zu leben, damit Du auch ins Paradies kommst.“ „Ins Paradies“, rufe ich aus. „Was nützt mir das Paradies, Kolja, wenn Du nicht bei mir bist, sage es mir!“ Hier aber lacht Kolja schallend und eigentlich hätte ich, wenn ich ein bisschen mehr aufgepasst hätte auf mir, dannzumal, Vorahnungen gehabt haben können wie unser Verhältnis schon bald nach diesem unverhofften Treffen im alten Königsschloss ausgehen würde. Das ganze Treffen war orchestriert, natürlich, es waren andere dahinter, schon Ramon hatte seine liebe Mühe gehabt, Kolja bei sich zu behalten und besonders zu verhindern, das Kolja Verbindungen hegte mit ungesetzlichen Organisationen, denn das Unerlaubte hat ihn immer besonders fasziniert. Nie habe ich erfahren, wieso Kolja gerade in diesem Moment an diesem Ort auftauchte, obgleich er nicht wissen konnte, dass ich eine Absteige habe in Neapel, auch einer Stadt meiner Vorfahren, nicht weit gelegen von Tarent, wo der Bohemond lebte. Eine Wohnung, die ich gekauft habe, nachdem ich das Schlösschen verkauft habe, das allzu gross und allzu teuer gewesen war im Unterhalt. Aber kaum sind wir angekommen in meiner Wohnung erhielt ich bereits ein Telefon von Ramon, wo er mich fragte, ob ich Kolja wieder gesehen habe. Ich merkte ganz gut, dass er es mir nicht ganz abnahm, als ich ihm versicherte, dass ich ganz allein in Neapel sei, ihn fragte, ob dieser Junge, der grinsend neben mir stand und mich in der besagten Lendengegend und über meinem Hemd  streichelte, denn nicht in der A740 gesessen habe, als die abhielt, unter lautem Getöse. Er sagte mir, Simon sein Sohn habe telefoniert, ganz ausser sich, da Kolja nicht aus dem Flugzeug gestiegen sei, als dieses landete. Er sei in höchster Aufregung, sagte er, fürchte um das Wohlergehen des Jungen, da er wohl wisse, dass Kolja noch Beziehungen pflege zum Drogenring pflege, aus dem er ihn gerissen habe, seinerzeit, in Zürich. Zu jener Zeit hatte Kolja mein Hemd bereits aufgeknüpft und es mir ausgezogen, während ich das Telefon von einer Hand in die andere schob und Ramon hat das offensichtlich gemerkt. Doch gesagt hat er nichts, bis zu jenem denkwürdigen Tag, als er, ohne Vorwarnung, plötzlich auftauchte vor meiner Wohnungstüre. Aber damals ist’s bereits zu spät gewesen, Kolja war verschwunden, unauffindbar, auch von den Mitgliedern der Maffia, oder eher Comorra, hier in Neapel, zu denen ich, natürlich, als Spross einer alten Adelsfamilie Kontakt pflege und ich war aufgelöst in Tränen, untröstbar und lag unrasiert, ungeduscht, schon seit Tagen im ungemachten Bett und weinte, wie ich es ja bereits erlebt hatte, in Ischia. Ob diese starken Emotionen gut sind für mich, der ein schwaches Herz hat, physisch wie auch emotional, wage ich zu bezweifeln, ich bin für solche Liebesabenteuer einfach zu alt und zu fragil geworden, meine ich, aber ob ich daraus die richtigen Schlüsse ziehen werde, na, das wage ich zu bezweifeln.
Aber vorderhand, an diesem und an den folgenden Tagen, war ich im Himmel, im Paradies. In einem Paradies allerdings, wo ich mir vorkam wie ein Sklave, der Brustfesseln tragend, die dauernd zerren und schmerzen, angespannt sind, einen Engel anhimmelt, der zwar wunderschön die Leier spielt und singt dazu, wie auf Caravaggios Bild( nicht, das Kolja dies getan hätte, singen und Leier spielen, er spielte ein ganz anderes Instrument), aber sonst recht kleinlich und geldgierig ist.
Ja nun, für uns in dieser ehemaligen reichsten Stadt Europas, die heute recht ärmlich und verfallen aussieht, wie das Palais meines Onkels, die aber trotzdem immer noch unzahlbare Schätze enthält. Ich hatte Kolja, dem ich immer voll vertraute, den Schlüssel zu meiner Wohnung gegeben, sodass er immer und jederzeit über diese verfügen konnte, wie wenn sie ihm gehörte und jetzt ist er weg, zusammen mit dem unschätzbaren Gemälde von Caravaggio, das nun endgültig als verschollen gelten muss und das mich besonders fehlt, da es meiner Ansicht gemäss das einzige Gemälde ist, das den Engel Kolja darstellt. Und ist das nicht symptomatisch für die Bande, die mich an diesen zutiefst unmoralischen Maler erinnert, der doch eine riesige Anzahl religiöser Gemälde mit Engeln hinterliess und der von seinen „Engeln“, wenn man seinen Biografen glauben darf, dauernd hintergangen wurde sodass er eine Eifersucht entwickelte, die derjenigen Prousts durchaus angemessen ist und dank seiner aufbrausenden Art ständig mit einem Fuss im Gefängnis oder im Exil lebte. Doch das ist Zukunft, natürlich. Ich will nicht vergessen, dass ich einige paradiesische Wochen zusammen mit Kolja erlebte, weil es mir nie eingefallen wäre, zu hinterfragen, was er tat, wenn ich nicht mit ihm zusammen war, als  wir, oder ich, wenigstens, nach einem besonders wilden Liebesakt erschöpft einschlief, er aber, was ich nicht realisierte, denn ich hatte damals noch einen sehr tiefen, gesunden Schlaf, seine schlechtesten Kleider anzog und auf Zehenspitzen das Zimmer und die Wohnung verliess, in Richtung irgend eines besonders verfemten Quartiers natürlich, wie es mir Ramon versicherte, der entsprechende akribische Nachforschungen angestellt hat und dort Sachen anstellte, an die ich, wenn ich meine bürgerliche Unschuld behalten möchte, überhaupt nicht denken kann.
Was aber den Begriff „bürgerliche Unschuld“ betrifft, nein, da kann ich nicht mit ruhigem Gewissen sagen, dass ich eine solche hätte, geschweige denn, an ihr arbeiten könnte. Denn gerade zu jener Zeit entwickelte sich bei mir das Verlangen danach, dass ich, oder vielmehr mein sündiger männlicher Körper, der es mit männlichen Geschöpfen eines geradezu sträflich jugendlichen Alters (Nein, Kolja war nicht minderjährig, aber ganz sicher viel zu jung für einen bereits ausgelaugten Alten Greis) gestraft werden sollte, eben mit brachialen Methoden, mit brennendem Kerzenwachs, der über meinen Körper, den ich letzthin angefangen hatte zu enthaaren, goss, mit Brustfesseln, an die man zerren und ziehen musste, mit ganz riesigen Dildos, die man trocken in mich reinpressen musste und in demutsvoller Haltung, die ich einnehmen musste. Kolja musste herhalten, musste als der „Henker“ Sachen an mir vollbringen, die er sicher zutiefst verachtete, ja, und das führt dazu, dass ich ihn immer noch liebe, er identifizierte sich so sehr damit, dass er manchmal sogar wünschte, selbst von mir  auf diese Weise traktiert zu werden, was mir, ehrlich gesagt, auch zuwider war. Ja, ich glaube, dies mein Verhalten hat dazu geführt, dass Kolja mich schlussendlich so verachtete dass er mich bei Nacht und Nebel, wie man so sagt, denn Nebel gibt’s quasi nie in Neapel, verliess, beladen mit einem Teil meines Familiensilbers sozusagen und deshalb kann ich es nicht über mich bringen ihm irgendwelche Vorwürfe machen könnte, ja, das ich ihn immer noch so liebe wie ich ihn immer geliebt hatte und ihn, ohne irgendwelche Vorwürfe gegen ihn zu erheben, sofort wieder aufnehmen würde bei mir und ihn, wieder, genau gleich verwöhnen würde wie ich das immer tat. Ja, über das habe ich mit Ramon stundenlang diskutiert und er muss mir beipflichten, dass Kolja ein Typ ist, dem man nichts nachtragen kann, den man, mit allen seinen Laster lieben muss, und dieses Verhalten von Ramon verwundert mich gar nicht, kann nur die verwundern, die Kolja nicht kennengelernt haben, meine ich. Aber auch sonst habe ich Kolja bei meinen kulturellen Streifzügen des Tags durch diese Stadt ganz sicher gelangweilt, wie ich unzählige Male in diese Barmherzigkeitskirche in der Via dei Tribunali pilgerte, um doch noch auf die endgültige Aussage in diesem Bild „Die Sieben Barmherzigkeiten“ zu kommen, die mir recht schleierhaft sind, und weil ich es mir einfach nicht vorstellen kann, dass Caravaggio der ein Realist war, guten Gewissens malen konnte, wie eine Tochter ihrem greisen Vater Milch aus ihren Brüsten zum Trinken gibt und dauernd kam ich auf dieses Thema zu sprechen, sodass mein armer Kolja ganz ungeduldig wurde und mir einfach sagte, ich solle doch einfach glauben dass auch Caravaggio, trotz seiner Liebe zu einer real vertretbaren Kunst, vielleicht etwas gemalen hätte, nur um die Wünsche, die an ihn herangetreten waren, zu befriedigen. Und das tagelange Abklopfen aller Kirchen in der brütenden Hitze, nur weil ich insgeheim hoffte, doch noch, irgendwo einen weiteren Caravaggio zu finden, die Suche nach verfallenen barocken Palästen und Stadtburgen, und das tagelange durchwandern des Nationalmuseums, der antiken Statuen aus der Farnese Sammlung, nur weil ich schwelgte in den schönen jugendlichen männlichen Körper und weil mich das, in Anbetracht das er nur bekleidet mit einem leichten Teashirt und sehr kurzen abgeschnittenen Jeanshosen neben mir lief, mächtig antörnte. Nein, diese Hochzeitsreise-Wochen in Neapel werde ich sicher nie mehr vergessen, sie sind einer der Höhepunkte meines auch sonst nicht langweiligen Lebens und ganz sicher der Höhepunkt meines Greisenalters. Diese Gefühle meinerseits haben, werdet ihr sagen, etwas Anrüchiges, ganz so wie in dem Gemälde vom Rembrandt, wo der greise Salomon der nackt badende Rebecca versteckt hinter Gardinen zuschaut. Nein, versteckt habe ich mich nicht, unter den abschätzigen Blicken der Passanten bin ich durch die belebten Strassen Neapels gewandert, eng umschlungen mit dem spärlich bekleideten blonden, grünäugigen Jungen und habe mich absolut nicht voyeuristisch benommen! Aber eine Sünde war es trotzdem und dafür muss ich wohl noch bis zu meinem Tode, der offensichtlich noch lange auf sich warten lässt, büssen.
Eine andere Bewandtnis hat es mit dem Gemälde, das meiner Meinung von Caravaggio gemalt worden ist, aber keine Unterschrift hat und deshalb von den Experten, die ich zugezogen habe, als „Nach Caravaggio“ bezeichnet wurden, der „Voccazione di San Matteo“. Ich meine nicht das Bild in der Contarelli Kapelle in San Luigi dei Francesi in Rom, nein, sondern das Bild das meiner Meinung nach Caracciolo, einem seiner treuen Schüler und Nachahmer, als Vorbild für das Bild das noch vorhanden ist von Caracciolo galt. Das ist ein Bild, das ich in meines Onkels Sammlung gefunden habe und es hat eine besondere Wichtigkeit für mich, insofern als ich fest überzeugt bin, dass der Junge, nach dem Caravaggio den Jüngling malte, der neben dem Heiligen sitzt und andachtsvoll auf das hört, was er predigt, einer meiner Vorfahren sein muss. Dieser Wirrkopf der die Geschichten über Kolja, José, Thierry Lachaux und Ramon geschrieben hat, dieser Alexandre Berner, der ja auch einen Edelporno betitelt  „Ali wird auf dem Sklavenmarkt verkauft“ herausgegeben hat, hat ja auch einen Roman „Die Sünden des Ritters Koni von Ardez“ geschrieben, den ich mal in Ramons Zimmer fand und mir auslieh und dieser Giovanni muss, wie mir scheint, als er in Rom im Dienste des Kardinal und späteren Papstes Julius II stand, Caravaggio begegnet sein und ihm als Model zur Verfügung gestanden haben. Und nach dem Bild, das ich hier sehe, ähnelt er sehr einem Jüngling, der in den Annalen des Familienkreises Freudenburg, Villehardouin, Villeparisis stammen muss und früh verschollen sein soll, verschwunden aus dem Kreis seiner terriblen Familie und im Engadin in den heutigen Schweizer Alpen eine neue Existenz aufgebaut haben soll. Offensichtlich handelt es sich, nach meinen Nachforschungen zu urteilen, um den Sohn dieses verschollenen Familienmitglieds und damit wäre der Kreis um die Gandarian-Geschichten dieses Alexandre Berner wieder geschlossen und ich wäre eigentlich auch ein entfernter Verwandter dieses Giovanni! Lustig und natürlich eine reine Spekulation, meine ich, aber spekulieren ist natürlich meine Liebhaberei.  
             

 

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