Jonas

Einsiedeln 1655
Jonas in ValaamIch hänge am steilen Satteldach des Stalls des Klosters Einsiedeln und halte mich krampfhaft mit beiden Händen am First fest. Hinter und unter mir liegt der Klostergarten. Wenn ich den Kopf nach hinten drehe und hinabschaue, in spindelerregende Tiefen, sehe ich unter mir einen viereckigen Teich worin breite Seerosenblätter mit Blüten schwimmen. Um den Teich herum sind Rabatte angeordnet worin diverse Gemüse wie Kopfsalat, roter Chicorée, Rotkohl, Blumenkohl und Rosenkohl wachsen. Der Garten ist menschenleer. Weit hinten grenzt eine hohe Hecke den Garten ab vom öffentlichen Grund. Über diese Hecke klettern könnte ich, ich könnte mich wenigstens verstecken dahinter, wenn ich es nur wagen könnte, hinab zu springen. Denn auf dieser Seite ist niemand. Doch daran ist nicht zu denken, da würde ich mir beide Beine brechen! Wenn ich mich heraufziehe, mit meinen Armen, sehe ich auf die andere Seite des Daches hinüber, über den Rand hinaus. Dort allerdings hat sich eine Horde aufgebrachter Bauern versammelt, angeführt vom Fritz von der Almmatt. Sie fuchteln mit den Mistgabeln und mit Stecken, die sie am Wegrand aufgehoben haben und ich höre wie sie laut fluchen: „Verdammter Hurensohn, Du, Dich werden wir schon noch erwischen!“ Sie möchten mich herab reissen von dieser Mauer, sagen sie, und mit ihren Knebeln blau und rot schlagen. Anschliessend wollen sie mich aufhängen am hohen Lindenbaum an der Weggabelung, sagen sie, und dann, wenn ich vollständig erstickt bin, meinen Körper auf die Zacken ihrer Mistgabeln bohren und ihn auf den Misthaufen zu tragen. Eine christliche Beerdigung soll diesem Sohn der Hexe nicht zukommen, sagen sie. Einige fuchteln mit langen Messern und rufen, dass sie mir damit die Eier und den Penis wegschneiden und ihn den Fischen zum Frass geben wollen. Ich erschauere. Das gleiche Schicksal soll mich ereilen wie Osiris: ich soll getötet, zerstückelt und entmannt werden! Wenn ich nicht bald die Kirche erreiche, um mich am Altar festzuklammern und die Gnade der Mönche anzuflehen, baumle ich bald am Baum, befürchte ich, denn das Geschrei nimmt dauernd zu.

Sie haben mich erwischt, wie ich mit Meinrad, dem Sohn des Bauern Melchior, der das Gut „Alpenrösli“ oben auf dem Kreuzberg bewohnt und im Pferdestall im Kloster die Pferde des Abtes betreut, im Stroh in seiner väterlichen Scheune lag. Wir hatten freundschaftlich zusammen gebalgt und lagen erschöpft aufeinander. Na ja, dann hat’s uns gepackt und wir sind  auch ein bisschen zärtlich geworden, zueinander, doch es war natürlich und im Grunde unschuldig, es war keine Sodomie, wie sie es jetzt titulieren. Zuerst war die Meute von Bauersknechten und Vagabunden, angeführt vom Priester Anselm, dem von der Kapelle des Heiligen Gangulf, vor das Haus meiner Mutter gezogen. Die Hexe begehe nun Meineid mit einem hergelaufenen fremden Strolch, rief der Diakon, sie werde durch ihr lasterhaftes Benehmen Gottes Zorn heraufbeschwören über unsere ganze Gemeinschaft und jetzt begehe ihr Sohn, das rothaarige Hexenbüblein, das vermaledeite, einen sodomitischen Akt. Die Hexe und ihren missratenen Sohn, der sogar Geld aus dem Opferstock stehle, müsse man exemplarisch bestrafen, aufhängen und verbrennen auf dem Scheiterhaufen und ihre traurigen Seelen dem Teufel zuführen, sagte er. Wie sie realisierten, dass das Haus leer war, plünderten sie es erst mal von allem Essbaren und Trinkbaren, das sie fanden, schlachteten unsere Kuh, unser Schwein, unsere Geiss sowie die Hühner und zündeten Haus und Stall an. Dann zogen sie weiter, auf der Suche nach uns beiden+. Den Linden-Hans, den sie auf dem Weg trafen und der sie erst mal weit weg von seinem Hof lenken wollte, teilte ihnen mit, dass ich in Richtung von Melchiors Hof gelaufen war. Wir hatten hier in der Scheune abgemacht, weil Meinrad seinem Vater im Stall hilft, während dieser draussen das Heu einbringt. Nachdem wir gemistet hatten und die Tiere ernährt, bekamen wir Lust etwas zusammen zu spielen, stiegen auf den Schober, liessen uns herabfallen, purzelten aufeinander und rollten zusammen im Heu umher. Bald war ich erschöpft, Meinrad auch. Meinrad legte sich ins Stroh. Ich setzte mich rittlings auf seinen Rücken und lachte. Er schnaufte, versuchte sich zu lösen vom festen Griff meiner Beine. Wir waren barfuss, trugen kurze Hosen, dreckig waren sie, voller Flecken, weil das Waschen für unsere Mütter natürlich mühsam ist, besonders für  Meinrads Mutter Maria, die jetzt ihren Jüngsten, den 2 Monate alten Zacharias zu Windeln und mit der Brust zu füttern hat. Sie hat dem Melchior zehn Kinder geschenkt bis heute und ist ganz ausgemergelt, ihre Brüste hängen schlaff herab über ihre Brust. Ein Wunder, dass sie ihrem Baby noch Milch geben kann. Doch sie ist lieb. Natürlich hat sie für uns Bengel  keine Zeit mehr übrig, denn Meinrad ist ausgewachsen, kann selbst auf sich aufpassen und sie hat alle die zehn kleineren Geschwister, die sie zu betreuen hat. Die Zweitälteste, die neunjährige Maria, hilft ihr natürlich dabei. Sie hat sich zur zweiten Mutter entwickelt und wird sicher bald heiraten und dann auch eine ganze Menge Kinder haben! Jetzt  übt sie sich bereits darauf ein. Der Melchior hat seiner Frau fast jedes Jahr ein neues Kind geschenkt, fünf Mädchen und fünf Knaben hat er. Es ist normal bei uns in Einsiedeln, mehr als tausendsechshundert Jahren nach Christi Tod, dass die Bauern so viele Kinder haben. Vater Melchior verlangt von Meinrad, dass er hart arbeitet im Hof und auch auswärts aushilft um die grosse Familie über die Runden zu bringen. Denn der Hof ist nicht gross und ernährt die Familie kaum. Wenn er nicht im Kloster arbeitet, muss Meinrad allein den Stall misten, die Kühe füttern. Der Vater und der Knecht Heini arbeiten draussen auf dem Feld. Die Arbeit im Hofe muss von den Kindern und der Mutter gemacht werden. Die Mutter hat auch genug Arbeit mit der Betreuung der Hühner und Gänse, Maria muss sich um die Geschwister kümmern und die Brüder Meinrads sind alle zu jung um im Stall zu arbeiten. Meinrad kümmert sich um die Schweine und die Kühe wenn sie im Stall sind. Vater Melchior und seine Frau arbeiten noch wenn es irgendwie geht am Webstuhl, weben Stoffe, die sie an den Weber-Johannes im Dorf verkaufen. Johannes ist der Schneider im Dorf, er liefert die Röcke an die Mönche und die Priester und führt daneben einen kleinen Laden, wo er den Pilgern Tücher und andere religiöse Sachen verkauft. Daneben lässt er von den Frauen im Dorf Stoffe weben, die er einem Grossisten in Zürich weiterverkauft. Ich daheim helfe natürlich meiner Mutter. Ich bin das einzige Kind meiner Mutter und muss deshalb nicht so viel arbeiten wie Meinrad. Doch unser Hof ist klein, wir haben nur eine Kuh, ein Schwein, 3 Hühner und einen Hahn. Und einen kleinen Garten wo wir noch unser Gemüse pflanzen. Wir könnten nicht leben, sowenig wie wir sind verglichen etwa mit Melchiors Familie, von den Produkten die wir in unserem kleinen Garten kultivieren. Deshalb ist meine Mutter oft abwesend, versucht sich ihr Leben zu verdienen mit dem wenigen das ihr beigebracht wurde, liest auf dem Klosterplatz oder auf dem Pilgerweg aus der Hand der Pilger, die gerne wissen möchten, was sie in Zukunft erwartet. Dass muss sie  natürlich sehr diskret tun, denn die Priester lieben Wahrsagerinnen nicht, sie empfinden sie als Konkurrenz zu ihnen. Sie sagen, ist unsere Zukunft sei in der Hand Gottes oder seines Sohnes, Jesus Christus und es sei schlichtweg Sünde, wenn man zu anderen als sie geht um herauszufinden, was Gott oder Jesus Christus mit uns im Sinne haben. Wenn irgendeiner der Mönche des Klosters meine Mutter sieht, auf dem Klosterplatz, jagt er sie weg und bald wird er dabei von einer grölenden und Stöcke schwingenden Meute von Tagelöhner und Dieben dabei unterstützt. Oft haben sie meine Mutter durch den Wald bis zu unserem Haus gejagt und wir fürchteten um unser Leben. Da ich oft allein zu Hause bin und meiner Mutter auch helfen möchte, unseren Lebensunterhalt zu verdienen, helfe ich oft Meinrad auf dem Hof seines Vaters. Es gibt dafür zwar keinen Lohn, aber Meinrads Mutter Maria ladet mich zum Essen ein und meine Mutter muss mich dann nicht ernähren. Meine Mutter ist die Grete, die sie im Dorf als Hexe beschimpfen. Sie ist Hebamme und kann auch Krankheiten und kleine Wunden heilen. Sie hat mir noch nie was zum Essen gekocht, ich weiss überhaupt nicht, ob sie überhaupt kochen kann. Vor einigen Tagen hat sie den Matthias kennen gelernt, einen der Schustergesellen von der Schusterei zum gelben Schnabel, der so einen komischen Dialekt hat. Sie sagt mir er stamme aus der Gegend des Rheins, sei geboren worden als der Sohn eines Winzers, der einst auf Wanderschaft in Einsiedeln vorbeikam und hier blieb. Die ganze Zeit verbringt meine Mutter nun mit ihm und ist sogar umgezogen ins Gesellenhaus beim Schuster Fritz. Ich bin deshalb meist auf mich selbst gestellt und sage mir: „Wenn nur nicht ein kleinerer Bruder oder eine Schwester daraus entsteht!“

Zurück zu den übrigen Textstellen

 

 

 

  #^$-+++]t\g`^]`mi`m