Montreux

Pierre


Es ist stockdunkle Nacht in Montreux. Erst gestern hatte das Wetter gewechselt, die Wolken und der Nebel hatten sich gen Westen verzogen, sodass Pierre mit Francine auf der Terrasse mit direktem Blick auf den See zu Abend essen konnte und die beiden anschliessend bei einem Gläschen Wein bis tief in die Nacht hinein auf der Terrasse geschwatzt haben unter den funkelnden Sternen am Himmel . Pierre Müller lebt im Zentrum von Montreux, gerade neben der Markthalle, in einer geräumigen Altwohnung und verfügt über eine grosse Terrasse direkt über dem Seequai. Von dort gibt‘s eine wunderbare Sicht über den ganzen Lac Léman bis hinüber auf die Savoyer Alpen, östlich bis an den Montblanc und westlich die ganze Côte entlang bis zum jet d‘eau in Genève. Dass er die Wohnung gefunden hat ist dem Zufall zu verdanken und seinem Job als Detektiv, ist eigentlich makaber. Ein Verwandter des Mordopfers Jan Schmidt, dessen Leiche an der Mole von Vevey schwimmend gefunden wurde und den er während der Untersuchung des Falles kennengelernt hatte, hat ihm vor wenigen Monaten plötzlich angerufen und ihm gesagt, dass eine Wohnung in einem seiner Häuser frei geworden ist, nicht die Wohnung des Mordopfers, glücklicherweise, beeilte er sich hinzuzufügen und Pierre atmete auf, denn da hätte Francine sicher nicht mitgemacht, sondern eine Wohnung in einem seiner Miethäuser die frei wurde, sagte er, weil seine Mieter zurück nach Frankreich gegangen sind. Die Wohnung hat beiden sofort gefallen. Nun ja, in seinem Job war Pierre eigentlich misstrauisch geworden, er glaubte nicht mehr alles, was ihm gesagt wurde und überlegte es sich lange ob es mit seinem Job einherging, dass er etwas annahm von einem, der ihm ein ehemals suspekt erschienen war und der ihm eigentlich bis zum endgültigen Abschluss des Falles immer verdächtig gewesen war. Es wäre ganz gut möglich gewesen sein könnte, dass diese Offerte von seiner extrem schön gelegenen und gerade neu renovierten Wohnung eine Bestechung war, doch sein Verdacht liess sich nicht erhärten, ein anderer war des Mordes überführt worden und hatte ihn zugegeben und Pierre‘s Vorgesetzter und auch der Regierungsrat hatten seine Zweifel als unangebracht beiseitegewischt, der Fall war abgeschlossen. Francine drängte darauf, dass er die Wohnung nehme und er hat das Angebot angenommen obwohl er bis heute fürchtet dass die Sache einen Haken haben könnte. Nun ja, die Wohnung ist wirklich ein reell gewordener Traum, das muss er zugeben! Ja, sein Job hat viele Nachteile, dass muss er zugeben und dass seine Ehe in letzter Zeit nicht mehr ganz harmonisch verläuft, ist seinen unregelmässigen Arbeitszeiten und dem Dauerstress, dem er ausgesetzt ist, weil die Mordfälle immer schon vor dem Mord aufgeklärt sein müssten, zurückzuführen. Vorher, als Pierre Müller noch gewöhnlicher Streifenpolizist war, ist die Ehe der beiden viel harmonischer verlaufen und auch Simon, ihr bisher einziges Kind, fühlte sich viel besser als jetzt. Heute gibt‘s oft Streit, wenn z.B. das Telefon vom Chef mitten in der Nacht läutet, weil er quasi den ganzen Tag und die ganze Nacht zur Verfügung des Chefs stehen muss, der selbst ja die ganze Zeit im Dauerbeschuss der Politiker und der Zeitungsfritzen steht! Als ihm der Job angeboten wurde als Beförderung vom uniformierten Polizist hinauf zum Zivilpolizisten und auch die Gehaltsstufe war entsprechend höher. Doch jetzt, wo er seit einigen Jahren voll in seiner neuen Funktion engagiert ist und auch schon einige Fälle erfolgreich gelöst hat und sich sicher fühlt, wird es immer stressiger und die Arbeitszeit werden immer unregelmässiger! Wenn die Leiche auftaucht, meist zu den unmöglichen Tageszeiten, auch wenn man endlich mal einen Feiertag zusammen mit Pierre und Simon allein verbringen kann, muss man den Indizien sofort nachgehen, damit nicht alles verwischt wird, er muss alle seine Pläne zurückstellen, die Zeit läuft unbarmherzig, die Journalisten drängen ständig auf seinen Chef und jetzt zunehmend direkt auf ihn ein, denn der Mann auf der Strasse will wissen, wer es war, der den Mord begangen hat, wohl weil er dann ruhiger schlafen kann, wenn der Mörder unter gewahrsam ist und vielleicht auch bloss, weil er einfach neugierig ist, die Politiker wollen Resultate vorweisen können und der Druck auf Pierre nimmt ständig zu. Seit einigen Jahren ist nun Pierre als Hauptdetektiv tätig und er fühlt es quälend wie sein Berufsleben immer hektischer wird, und sein Familienleben parallel dazu immer mehr an Qualität einbüsst wie die Spannungen zwischen ihm, seiner Frau und seinem Sohn zunehmen und findet keine Zeit für die Gespräche die nötig wären um diese abzubauen. Über Mittag kommt er schon gar nicht zum Essen mit der Familie, sie sind froh, wenn es schon nur einen Abend gibt, wo er heimkommen kann und auch mal zusammen mit Simone und Francine essen kann. So hektisch und ungemütlich hat sich Pierre sein Leben in seinem Traumberuf natürlich nicht vorgestellt. Er hat schon monatelang kein gutes und interessanten Buch angelangt, geschweige denn gelesen und kann sich nur noch wehmütig daran erinnern, wie er vor Jahren, Jahrzehnte oder Jahrhunderte scheinen für ihn vergangen zu sein, einen spannenden Krimi der George verschlungen hat. Heute liest er bloss Compte rendus und grausige ärztliche Berichte über den Zustand des Mordopfers, obgleich er es nicht unterlassen kann, wenn er an einem ihm interessant erscheinenden Krimi vorbeiläuft, diesen zu kaufen. Daheim türmen sich die Bücher in seinem Büro auf und wenn er mal versucht, eines der Bücher zu lesen, kommt er garantiert nicht weiter als die ersten vier oder fünf Seiten, bevor er es wieder zur Seite legen muss um Dringenderes zu erledigen oder auch nur, weil Francine wieder von der Küche her ruft, was er nun schon wieder mache und dann schwirren wieder die Vorwürfe durch die Luft und werden gekontert durch erneute Vorwürfe und die innere Spannung wächst ins Unermessliche, das zwischenmenschliche Klima in der Familie wird spröder und heisser, Pierre, Francine und besonders Simon leiden darunter und dann gibt‘s schlechte Noten in der Schule, der Lehrer läutet an und beklagt sich, dass der Junge immer zerstreuter ist und eigentlich wollte dies keiner! Er hat ein schnelles, schönes und imposantes Auto, einen Porsche Panamerikana in einer speziellen Ausführung als Decapotable, hat eine wunderschön möblierte Wohnung mit einer Traumaussicht, könnte sich teure Ferien in der Karibik und Nachtessen in erster Klasse Restaurants fast jeden Tag leisten, könnte es, natürlich, kann es aber nie, weil er dazu ganz einfach keine Zeit hat und ist ständig am Rand der Erschöpfung! Deshalb ist er bereits bei seinem Chef vorstellig geworden und hat ihn darum gebeten, dass er ihn wieder zurückversetzen könnte, in seinen gewöhnlichen Job als Streifenpolizist. Doch dafür hat Michel, sein Chef, überhaupt kein Gehör. Er hat ihm beim Mittagessen, zu dem er ihn in das Bellevue eingeladen hat, gesagt: „Siehst Du denn nicht, Pierre, wie Du immer unersetzbarer wirst! Verlang einfacheres von mir, ich werde gerne beim zuständigen Regierungsrat Mercier vorsprechen, dass er Dir mehr Lohn gibt, und da liegt bei Deinem Einsatz schon noch einiges mehr drin aber lass mich nicht im Stich!“ Und jetzt langte er sich ans Herz und wurde wieder einmal, wie das in letzter Zeit immer wieder geschah, kreidebleich, bis dass er sich wieder gefasst hatte. Michel war ein Kettenraucher, natürlich war er es geworden, weil er seine Karriere immer schon effizient verfolgt hatte, er, der nach Pierre‘s Eintritt als gewöhnlicher Rechtsassistenz bei der Polizei angefangen hatte. Er war schon einige Male mit dem Sanitätswagen und Sirenengeheul in Spital eingeliefert worden, weil er auch schon mehrere Herzinarkte gehabt hatte, war schon einmal, ja, bei diesem Mordfall des Regierungsrates, dessen Leiche man in einem verfemten Lokal in Lausanne aufgelesen hatte, im Büro eingesackt, man hatte ihn mit Blaulicht ins Spital bringen müssen und hatte eine Notfall-Herzoperation an ihm vorllbringen müssen! „Du siehst ja“, fuhr Michel fort nachdem er wieder eine neue Gaulloise bleu ohne Filter aus seinem Etui gezogen und angezündet hatte und ihm den Rauch direkt ins Gesicht geblasen hatte, „ich selbst bin am Ende, der Arzt empfiehlt mir schon seit einiger Zeit, ich solle endlich zu rauchen aufhören und solle besonders leisertreten, sonst sei ein nächster Schlaganfall vorprogrammiert und er könne mir nicht sagen ob ich eine weitere Operation überhaupt überleben könne. Wir brauchen Dich, Pierre, Jan Maillart ebenso wie ich und ich rechne fest damit, dass Du mich ersetzen wirst in nächster Zeit, wenn ich mich zurückziehe, ein Privatdetektivbüro gründe, und als freischaffendender Mitarbeiter tätig bin.“ Für Pierre kommt dieses Aussage dass Michel sich zurückzieht und er dessen Nachfolger sein wird, wie aus heiterem Himmel, doch Michel ist ihm im Verlauf der Zeit, in der sie zusammen gearbeitet haben zum Freund geworden, er weiss auch nicht richtig, mit welchen Gründen er dieses Angebot ablehnen kann ohne dass ein Gewitter losgehen wird und er alles, was er sich schon erarbeitet hat, Knall auf Fall verliert. Francine auf jeden Fall hat er davon noch nichts gesagt. Wahrscheinlich würde sie darauf beharren, glaubt er, dass er das Angebot nicht annehmen kann und auf das Geld und die gesellschaftliche Stellung die er in letzter Zeit erreicht hat, ist er doch angewiesen! Wenn er diese nicht mehr hat, glaubt er, wird es auch Francine mit ihm nicht mehr aushalten, dann wird sie ausziehen mit seinem geliebten Simon und er wird Knall auf Fall in‘s tiefste Loch fallen! Denn eigentlich meint er, wäre das was ihm Michel jetzt anbot das Beste, was er brauchen könnte, jetzt, wo sie eine teure Wohnung an bester Wohnlage haben, sogar planen, in absehbarer Zeit ein eigenes Haus zu bauen, wovon Francine sowieso immer schon träumt, Francine, die ihm in letzter Zeit immer mehr vorgeworfen hat, dass sie aus einer besseren Familie stammt als er, einer Professorenfamilie, die scheint‘s auch noch direkt verwandt ist mit den Orléans und dem Grafen von Paris und dass sie sowieso nebst Simon ein zweites Kind, ein Mädchen natürlich, haben möchte!

 

 

11.11.2008

 

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